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Matejcek-Preis des Familiennetzwerks an Thüringen

Posted: 20.11.2007, 20:15
by alwis
Aus:
Katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur

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Fakten rein, Emotionen raus

Von Norbert Axmann


Dauerkrach führt nicht weiter. Die Auseinandersetzung um die Familienpolitik braucht eine neue Sachlichkeit. Einen Beitrag dazu leistete eine Veranstaltung des Familiennetzwerks Deutschland in Berlin. Wem es wirklich ernst ist mit dem Thema Familie, der muss den Tatsachen ins Auge sehen.

„Ich bin, weil Du bist“ – dieses von einem Podiumsteilnehmer zitierte afrikanische Sprichwort stand, bezogen auf die frühe Mutter-Kind-Beziehung, wie ein Motto über einer zweitägigen Veranstaltung, zu der das Familiennetzwerk Deutschland am Sonntag und Montag nach Berlin eingeladen hatte. Angesichts der emotional geführten Debatte um die Familienpolitik der Bundesregierung war es das Anliegen der Veranstalter, zur sachlichen Information oder – wie gesagt wurde – zur „empirischen Wahrheit“ beizutragen. Faktenkenntnis, so die unausgesprochene Erwartung, müsste sich dann allerdings auch in der praktischen Politik niederschlagen.

Erziehungsgeld trotz Widerstände: Vorbild Thüringen

So wurde an zwei Tagen zugehört, diskutiert, kritisiert, aber auch gelobt. Für seinen Mut, aus dem gesellschaftlichen Mainstream auszuscheren, erhielt der Ministerpräsident des Freistaates Thüringen, Dieter Althaus (CDU), den erstmals verliehenen Matejcek-Preis des Familiennetzwerks verliehen.
Die Auszeichnung ist benannt nach dem berühmten tschechischen Kinderpsychologen und Philosophen, dessen Untersuchungen zu kollektiven Erziehungseinrichtungen in den finstersten Zeiten des Kommunismus die Abschaffung der Wochenkrippen zur Folge hatte. Von Matejcek stammt das Diktum:
„Die Kinderkrippe ist eine Einrichtung von Erwachsenen, und Kinder würden sie sich nie selber ausdenken. Der Kindergarten ist dagegen eine Einrichtung für Kinder, und sie würden ihn sich notfalls in irgendeiner Form selber schaffen.“

Gewürdigt wurde mit dem Preis namentlich die von Althaus initiierte Thüringer Familienoffensive. Danach erhalten alle Eltern ein Erziehungsgeld in Höhe der Kosten eines Krippenplatzes ausgezahlt, über das sie eigenständig verfügen können. Thüringens Sozial- und Familienminister Klaus Zeh, der die Auszeichnung stellvertretend entgegennahm, interpretierte diese als Ermutigung, eine für richtig erkannte Politik gegen Widerstände – auch in der eigenen Partei – weiterzuführen.

Zuvor waren den etwa einhundert Teilnehmern der Tagung interessante Forschungsergebnisse vorgestellt worden. Patrick Fagan aus den Vereinigten Staaten zeigte wenig spektakulär und doch überraschend eingängig die enge Korrelation zwischen stabilen familiären Verhältnissen und religiösem Leben einerseits und der Entwicklung von Kindern andererseits auf. Seine Untersuchung betrachtet verschiedene Lebensmodelle , gekoppelt mit unterschiedlicher religiöser Praxis, in ihren Auswirkungen auf die Verhaltensmuster von Kindern. Fagans empirisch belegtes Fazit:
Die intakte, aus Eheleuten mit Kindern bestehende Familie, die wöchentlich den Gottesdienst besucht, ist der beste Generator von Sozial- und Humankapital.

Ebenso signifikant die Ergebnisse einer Langzeitstudie von Ronald Grossarth-Maticek, die zum ersten Mal öffentlich vorgestellt wurden. Nicht nur die Persönlichkeitsbildung, sondern auch die spätere gesundheitliche Verfassung hängen demnach wesentlich von den ersten vier Jahren der Mutter-Kind-Beziehung ab. Insbesondere eine traumatisierende Trennung von der Mutter in der frühen Kindheit bedingt in späteren Jahren offensichtlich verstärkt Erscheinungen wie Drogenmissbrauch, aversives Lernen oder gesundheitliche Schäden. Man darf der Publikation dieser Studie im nächsten Jahr wohl mit Spannung entgegensehen, zumal Grossarth beklagte, dass sich die Spitzenforschung zu diesem Thema in Deutschland „im Exil“ befände und von der Politik nicht zur Kenntnis genommen werde.

Mit einem Zahlenfeuerwerk zur Familienpolitik in Deutschland wartete der Darmstädter Sozialrichter Jürgen Borchert auf. Trotz mancher negativen Weltrekorde – erstes Land mit einer massiven Kinderlosigkeit seit 1965 , schnellstes alterndes Land der Welt, engster Zusammenhang zwischen rasanter Verarmung und rasanter Bildungsverarmung – werde der damit verbundene „Raubbau an Humanvermögen“ noch als volkswirtschaftlicher Fortschritt wahrgenommen.
Die als Therapie angebotene „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, so Borchert, habe aber nicht die Bedürfnisse von Familien, sondern allein deren Anpassung an betriebliche Erfordernisse im Auge. Der materielle Familienleistungsausgleich, der die Differenzen zwischen Haushalten mit und ohne Kindern vermindern soll, liege in Deutschland noch unter dem Durchschnitt der EU-Länder. Allein das Betrachten finanzieller Volumina, so eindrucksvoll diese auch erscheinen mögen, sage noch nichts über die Verteilungswirkung innerhalb der Gesellschaft aus.

Brauchen wir Kinderrechte in der Verfassung?
Dieser Frage stellte sich der Dresdner Hochschullehrer Martin Schulte. Seine ausführliche Interpretation des Artikels 6 des Grundgeset zes, in dem von Erziehung, aber nirgendwo von Betreuung die Rede ist, machte deutlich, dass das – auch vom Staat gewollte – Kindeswohl zuerst von den Eltern zu interpretieren und keinem originären staatlichen Erziehungsauftrag unterworfen sei. Schulte sah die Kinderrechte im Grundgesetz gut aufgehoben und schlug statt einer immer wieder geforderten Änderung der Verfassung eine qualitativ bessere Familienpolitik vor.

Was bleibt von derartig gewonnenen Erkenntnissen als Anspruch gegenüber der Politik?
Darüber gab eine Podiumsdiskussion interessante Aufschlüsse, in der sich insbesondere der familienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Johannes Singhammer, sowie die familienpolitische Sprecherin der Saar-LINKEN, Christa Müller, um ein familienfreundliches Profil bemühten. Singhammer, der für seine Partei, die CSU, in Anspruch nehmen konnte, das Betreuungsgeld im aktu ellen Gesetzentwurf des Bundesfamilienministeriums zum Krippenausbau verankert zu haben, musste einräumen, angesichts der politischen Realitäten noch nicht alles Wünschbare erreicht zu haben. Sein Aufruf zu einer nachhaltigen Familienpolitik stieß ebenso auf Wohlwollen wie die Forderung, bei den kommenden Aufgaben vor allem die Sichtweise der Kinder zu berücksichtigen.
Unmut im Publikum erregte dagegen seine Äußerung , dass mit Ursula von der Leyen das Thema Familie überhaupt erst an „Power“ gewonnen habe. Offensichtlich hatten die Anwesenden in der Mehrzahl eine andere Vorstellung von Familienpolitik als die zuständige Ministerin.

Ungewöhnliche Allianzen, unheilvolle Koalitionen

Unbelastet von Regierungszwängen konnte Christa Müller, Gattin von Oskar Lafontaine, ihr Modell eines sozialversicherungspflichtigen Erziehungsgehaltes – degressiv gestaffelt von 1 600 Euro pro Monat und Kind im ersten bis 500 Euro im 20. Lebensjahr – vorstellen. Ihre teilweise von starkem Applaus begleiteten Ausführungen, dass die Familien gegenwärtig „betrogen“ würden und der Gesetzgeber ein bestimmtes, nämlich kinderloses Familienmodell bevorzuge, gipfelten in der Aussage, Frau von der Leyen solle als Arbeitsministerin bezeichnet werden, sei es doch ihr einziges Anliegen, die Mütter in den Arbeitsmarkt zu drängen – ein Vorwurf, den man ähnlich lautend schon aus Augsburg vernommen hatte.
Ungewöhnliche Allianzen? Oder nur Verirrung einer „durchgeknallten, spalterischen Oberfundamentalistin“?
Es blieb Frau Müller vorbehalten, den einstmals für ein Kabinett Merkel vorgesehenen ehemaligen Verfassungsrichter Paul Kirchhof zu zitieren, dass nämlich in der Krippenpolitik Feministinnen und Wirtschaft eine unheilvolle Koalition eingingen.