Wieviel Mama/Papa braucht ein Kind?

Hier wird über Familienpolitik diskutiert.
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alwis
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Wieviel Mama/Papa braucht ein Kind?

Post by alwis »

Dr. Psycho
Einerseits wirken sich sicher die hohe Anzahl von Scheidungen etc. auf die Kinder und ihre Entwicklung aus und der enge Kontakt des Kindes zu Mutter – und Vater!! - gibt einem Kind sicher einen guten Boden.
Andererseits sind vorübergehende Trennungszeiten der Kinder von Mutter/ Vater zwar schmerzlich, aber unerläßlich, selbst in den ersten Lebensmonaten, weil das Kind lernt: Trennung tut weh, aber es geht gut aus. Was eine tolle Vorbereitung aufs Leben ist., wenn man gelernt hat, daß Schmerzliches verläßlich gut ausgeht.


Prof. Georg
Ganz grundsätzlich möchte ich meinen Überlegungen vorausschicken, dass ich es als unerlässlich anschaue, dass das Kind von Kleinst auf das "Gefühl" haben soll, dass es JEMANDEM ETWAS WERT ist, weil es nur so das Gefühl bekommen kann, dass es ETWAS WERT ist - "Selbstwertgefühl"!

"Unerlässlich" verstehe ich hier trotzdem nicht als "pädagogisch notwendig", sondern lieber als "unvermeidlich", aus verschiedensten äußeren Gründen.

Mir scheint es wichtig, dass die "Abnabelung" von der Mama nur bei der Geburt mit der Schere gemacht werden kann und in der Folgezeit sukzessive vor sich gehen muss, möglichst ohne Brüche!

Nach der Geburt erlebt das Kind ja nicht nur das Gesicht der Mama, sondern auch des Papas, der Oma etc. Diese Gesichter werden ihm im Laufe der Zeit vertraut und auch Liebkosungen u.dgl.meist in Anwesenheit der Mama. Wenn später diese Gesichter in Vertretung der Mama sich um das Kleine annehmen, ist es kein Bruch. Eine Tagesmutter sollte dem Kind schon vertraut sein bevor es dort "abgeliefert" wird. Und das Kind erfährt, dass die Mama "eh wieder kommt". Das ist "unerlässlich".

So werden die Kreise des Kindes immer größer und es kommen auch fremde Gesichter. Es "fremdelt", sagen wir gewöhnlich. Wenn die Mama auch da ist, will es sofort energisch zur Mama. Hier ist bestimmt Behutsamkeit gefordert. Aber auch das wird es "verkraften müssen", wenn die äußeren Umstände - Krankheit der Mama o.ä. es fordert. (Ich bin ja der Überzeugung, dass die Psyche des jungen Menschen ohnehin sehr beachtliche Fähigkeiten hat, Irritationen zu "verkraften".)

Auch wenn ich jetzt zu lang werde, möchte ich zwei Erfahrungen erwähnen, die ich für lehrreich halte.

1.) Die Enkelin unserer Köchin war fast immer bei unseren Kindern, weil die Mama (16) in der Sc hule war und die Oma in der Küche zu arbeiten hatte, aber jederzeit erreichbar gewesen ist und auch sofort beigezogen wurde, wenn etwas passierte. Ich sehe hier keinen Bruch.

Einmal geschah Folgendes. Wir waren sonntags nach dem Mittagessen beim Wegfahren, um einen Besuch zu machen. Sandra (damals ca. 4) kam in der Meinung, bei uns bleiben zu können. -
"Nein, wir fahren weg. Geh wieder zur Oma!" -
"Die ist zu ihrer Schwester gefahren." -
"Wo ist deine Mama?" -
"Mit ihrem (neuen) Freund weggegangen." -
"Kannst du zu Frau Steger (Nachbarin) gehen?" -
"Nein, die ist krank." -
"Was machen wir denn da, bei und kannst du nicht bleiben." -
Da fing sie verzweifelt zu weinen an und schluchzte:
"Niemand mag mich." Dieses "Niemand mag mich." ist mir bis heute stecken geblieben.
Was muss das für ein Kind bedeuten, dieses Gefühl bekommen zu müssen? Wir sind dann mit fünf Kindern im VW zu einem Schicksalskollegen mit Fam. gefahren und haben der Kleinen gesagt, dass wir sie schon mögen und dass die Mama und die Oma sie schon auch mögen, aber verhindert sind.

2.) Zu meinem 50er machten wir eine Reise nach Israel und verbrachten auch 2 Tage in einem Kibbuz am See Genesareth. War sehr interessant! Der Bürgermeister sagte unter Anderem auch, dass die Frauen voll in ihren Berufen arbeiten und auch nach der Stillzeit ihre Kinder ins Kinderhaus bringen können, wo ausgebildetes Personal für sie bestens sorgt, wenn gewünscht auch über Nacht. Gefragt, was ev. ein Problem sei, sagte der Bürgermeister, das relativ größte Problem sei, dass die jungen Leute keine Bindung zum Kibbuz zeigen. Sie machen Uni u. dgl. und kommen dann nur in den seltensten Fällen zurück.

Dem gegenüber steht meine Erfahrung in Bolivien. Dort binden sich die Frauen ihre Kinder bei fast jeder Arbeit auf den Rücken, stillen sie oft jahrelang und sind einfach immer für sie voll da. Im Erwachsenenalter zeigt sich, dass die Kinder die Mama fast unter gar keinen Umständen im Stich lassen, sondern ihr Möglichstes tun, um der alten Mutter beizustehen.

Das ist doch lehrreich!


Dr. Psycho
Es gibt auch empirische Untersuchungen, die besagen, daß viel wichtiger als die Dauer des Zusammenseins die Qualität des Zusammenseins ist.

Prof. Georg
Da muss ich aus Überzeugung und wohl auch mit guten Gründen widersprechen. Natürlich liegt an der Qualität viel, ABER es gibt auch empirische Untersuchungen, die zeigen, dass ständig wechselnde Bezugspersonen zum sogenannten Hospitalismus führen. Bei empirischen Untersuchungen muss man außerdem immer fragen, von welcher Seite die Untersuchung veranlasst wurde.

Anna Wahlgren
Stellen Sie sich vor, sie hätten sich in einen verheirateten Mann verliebt. Der hat immer wenig Zeit, weil er noch Zeit für die Arbeit und für seine Familie braucht. Ihr Wunsch, auch den Alltag mit ihm zu teilen, wird immer größer. Der Mann sagt “Schatz, es kommt doch auf die Qualität an, nicht auf die Quantität. Ich habe jetzt dreißig Minuten Zeit und möchte mit dir schlafen." Wären Sie damit zufrieden? Kinder fühlen in dieser Hinsicht genauso wie Erwachsene: Sie wollen den Alltag mit uns teilen, nicht nur besondere Augenblicke.

Dr. Psycho
Aber es wirkt sich auch das schlechte Gewissen einer arbeitenden Mutter z.B. entsprechend negativ aus, wogegen eine Mutter, die neben ihrem Mutterberuf noch einen anderen ausübt, der sie erfüllt, eine sehr positive Auswirkung haben kann und ein gutes Modell für das Kind ist (Lebenslust und Lebensbejahung...)

Prof. Georg
Da werde ich jetzt nicht ganz klar. ARBEITENDE Mütter haben gewöhnlich ein schlechtes Gewissen, dass sie ihre Kinder vernachlässigen und schlechtes Gewissen kann sich auf Kinder schecht auswirken, wenn es die Stimmung der Mutter verdirbt.

Dass eine Mutter an ihrem Beruf auch hängen kann, ist sicher und dass sie dabei in Zwiespalt geraten kann natürlich auch, seltener - kommt mir vor - trifft es zu, dass eine Frau ein schlechtes Gewissen hat, wenn sie nicht auch außerhäuslich arbeitet. Kann vielleicht manchmal sein. Aber wie viele Frauen haben schon einen so erfüllenden Beruf?

Außerdem sagt man schon auch, dass man den Kindern Zeit widman muss. Ganz ohne eine gewisse Dauer geht das halt schlecht. Es wird heute schon als "romantisch" apostrophiert, wenn jemand von einer Mutter träumt, die bei ihrem Kind auf dem Boden sitzt und mit ihm spielt oder spazieren geht. Für das Kind aber eine wertvolle Zeit. Vor allem möchte ich aber wiederholen, dass wechselnde Bezugspersonen in den ersten Jahren ungünstig sind.


Dr. Psycho
Selbst Patchworkfamilien haben neben den bekannten Nachteilen auch Vorteile.

Prof. Georg
Ja - vor allem für Einzelkinder gibt es die, weil sie dann Geschwister haben.

Dr. Psycho
Ähnlich wie früher in Großfamilien, Wohngemeinschaften oder Communen erhöht sich die Zahl der Erwachsenen, die, wenn es hinhaut, ja, WENN ES HINHAUT! für das Kind da sind. Ich erlebe das auch am Sohn meiner jetztigen Frau, dem ich viel bedeute und den auch ich sehr ins Herz geschlossen habe.

Prof. Georg
Drei meiner Enkelkinder (17, 15, 11 Jahre) leben auch in einer "recht gut" funktionierenden Patchworkfamilie, aber niemand wird sagen wollen, das sei die erstrebenswerte Form der Familie. Kann aber gut gehen.

Dr. Psycho
Stimmte die These, daß die Dauer des Zusammenseins der Hauptfaktor für eine glückliche Kindheit etc. wäre, müßten ja die früheren Generationen sich viel besser entwickelt haben, was aber nicht der Fall ist.

Prof. Georg
Stimmt schon. Wenn man aber auch in Betracht zieht, welch schwerwiegende Erziehungsfehler fast an der Tagesordnung waren, kann man bestimmt nicht sagen, schlechte Entwicklung sei davon gekommen, dass die Kinder zu oft und zu lang bei den Eltern gewesen seien.

Dr. Psycho
Ich denke dabei nicht nur an Untersuchungen, sondern auch an meine bescheidenen eigenen Erfahrungen mit Klienten, wie schlimm das Familienklima so oft auf den Bauernhöfen war. Vielleicht drückt ein Kind oder Jugendlicher Probleme heute bloß anders aus als früher. Ist es z.B. besser, depressiv statt agressiv zu werden, schüchtern statt protzig aufzutreten ?

Prof. Georg
Ich weiß nicht, ob meine Wahl unter allen Umständen auf aggressiv fiele, wenn es darauf ankäme. Man sollte beides zu vermeiden suchen. Vielleicht denke ich wirklich romatisch, wenn ich meine, dass Kinder viel Zuwendung und Wertschätzung brauchen, damit sie das nötige Selbstwertgefühl entwickeln können.

Dr. Psycho
Ich glaube (entgegen Sokrates etc.), daß die heutige Jugend nicht schlechter ist als frühere, Was aber für uns Ältere nicht so leicht nachzuvollziehen ist.

Prof. Georg
Du wirst es nicht glauben, aber das meine ich gar nicht. Ich habe 21 Jahre in einem Oberstufengym unterrichtet und bei den jungen Leuten ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, Hilfsbereitschaft und Umweltbewußtsein etc. angetroffen. Es wird ev. heute etwas mehr "missratene" Jugendliche geben als früher, die zu dieser negativen Meinung veranlassen. nur anders.

Ich kann sagen, dass ich von ihnen viel gelernt habe. Das darf man ja als Lehrer auch noch, oder?


Dr. Psycho
Ein Beispiel ist für mich das viele Computerspielen: es verhindert ganz augenscheinlich viele bisherige Formen von Krativität und oft auch von Kontakten. Aber andererseits weiß man, daß solche Kinder durch die Spiele oft Problemlösungstechniken lernen, die wir nicht konnten,wordurch sie oft an schwierige Situationen anders herangehen, ganz abgesehen von dem ganz anderen Umgang mit neuen technischen Gerätne: wir plagen uns meist durch die Bedienungsanleitung, wogegen die Jungen einfach auprobieren und das Gerät in kürzester Zeit bedienen können.

Prof. Georg
Ja, da ist gar manches anders als zu unserer Zeit. Dem stehen wir ziemlich rat- und hilflos gegenüber. Wie man hier lenkend eingreifen soll und wie groß diese Gefahren eigentlich wirklich sind, das können wir schlecht beurteilen.

Dr. Psycho
Für die Gewalttätigkeit heutiger Jugendlicher gibt es ein Bündel jawohl: ein Bündel! von Faktoren, wie ich lese. Ich selbst bin hier ohnehin kein Experte.
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