Offener Brief an den Vizekanzler - Lehrerdienstrecht

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Heureka
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Offener Brief an den Vizekanzler - Lehrerdienstrecht

Post by Heureka »

[newtaburl=http://konferenzzimmer.wordpress.com/2013/11/17/offener-brief-an-den-vizekanzler/]Konferenzzimmer.wordpress.com[/newtaburl]

Sehr geehrter Herr Vizekanzler und BM Spindelegger,

ich schreibe Ihnen nicht als Gewerkschaftsmitglied, und „privilegierte“ Lehrerin, die unbedingt Ihren Status quo behalten möchte (mich trifft das neue Dienstrecht wahrscheinlich ja sowieso nicht), ich schreibe Ihnen als engagierte Gymnasiallehrerin mit 33 Dienstjahren und auch als Mutter von vier Kindern, die ein Gymnasium absolviert haben oder absolvieren und in beiden Funktionen bin ich äußerst besorgt über die zukünftige Qualität des österreichischen Schulsystems. Ich schreibe Ihnen auch, da ich Sie und die ÖVP persönlich im Wahlkampf unterstützt habe (Mein Anliegen…), auch unter Nennung meines Namens in Inseraten, und nun bei Durchführung des Beschlusses des neuen Lehrerdienstrechtes ohne Zustimmung der betroffenen Lehrer/innen, vertreten durch deren Gewerkschaft, sehr enttäuscht wäre!
Die von der Regierung geplanten bzw. bereits beschlossenen Veränderungen zielen einzig und allein darauf ab, die Vielfalt der österreichischen Bildungslandschaft zu beenden und die vorhandenen Talente vieler Schülerinnen und Schüler auf ein Mittelmaß zu begrenzen. Es geht dabei keineswegs um ein Elitedenken, oder darum, dass Schülerinnen und Schüler der Gymnasien die „besseren“ Schüler wären, nein, ich glaube, dass gerade die Vielfalt der Begabungen eine Stärke unseres Schulsystems ist.
Ich frage Sie, der Sie am Dienstag dem neuen Lehrerdienstrecht Ihre Zustimmung geben wollen, deshalb:

Wären Sie damit einverstanden, wenn Ihre Kinder z. Bsp. in Deutsch oder Englisch von Lehrer/innen unterrichtet werden, die vielleicht Biologie oder Geographie studiert haben? Genau das ist aber im Entwurf des neuen Dienstrechtes vorgesehen!.......


Original auf [newtaburl=http://konferenzzimmer.wordpress.com/2013/11/17/offener-brief-an-den-vizekanzler/]Konferenzzimmer.wordpress.com, 17. 11. 2013[/newtaburl]
alwis
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Alltag als Lehrerin

Post by alwis »

[newtaburl=http://derstandard.at/1381373852801/Der-Alltag-als-LehrerIn]Leserkommentar im Standard, 19. Nov. 2013[/newtaburl]

Eine Lehrerin über ihre Aufgaben und warum sie jedem von ihrem Beruf abrät.

Sie sind Akademikerin, Sie haben eine Stelle gefunden. Bedingung ist allerdings, dass Sie sich das Büromaterial, den Computer und das Handy, auf dem Sie erreichbar sein sollen, selbst zahlen. Auch Arbeitsunterlagen wie Bücher oder Ähnliches müssen Sie sich selbst bezahlen.

Ihre Arbeitszeit wird mit etwa 20 Wochenstunden bei Ihrem Arbeitgeber fixiert, den Rest dürfen Sie sich selbst einteilen. In den ersten fünf Jahren bekommen Sie jeweils nur Jahresverträge und erfahren oft erst eine Woche vor Ablauf, ob Sie wieder angestellt werden. Wissen Sie bereits, welchen Beruf Sie hier ausüben sollen? Ja, genau, den Beruf der Lehrerin.

Sie haben zwei "Hauptgegenstände" studiert. Zum Beispiel Mathematik und Englisch. Das bedeutet, Sie unterrichten zwischen 180 und 240 Schüler und Schülerinnen. Sie unterrichten 20 Stunden. Sie bereiten sich auf die Stunden gut vor. Das braucht etwa zehn Stunden/Woche, wenn Sie schon erfahren sind.

Sie verbessern zumindest eine Hausübung pro Schüler oder Schülerin alle 14 Tage. Also etwa 100 Hausübungen pro Woche. Das sind etwa 100 x 5 Minuten = 500 Minuten = 8 Stunden 20 Minuten/Woche. Sie verbessern Schularbeiten und Tests (die Sie vorher zusammengestellt haben). Pro Schularbeit dauert das wohl im Schnitt eine knappe Stunde, lassen wir die Tests weg, und sagen wir, es ist eine Stunde. Also etwa 200 Stunden pro Semester. Also etwa 4,5 Stunden/Woche.

Es kommen pro Jahr etwa fünf bis sechs Konferenzen dazu, die dauern je circa drei Stunden. Also mindestens 15 Stunden. Sagen wir eine Dreiviertelstunde pro Woche. Sie nehmen am Tag der offenen Tür teil (das sind meist zwei Tage): also noch einmal plus mindestens zehn Stunden. Sagen wir eine halbe Stunde pro Woche. Sie sind am Elternabend beteiligt. Plus vier Stunden pro Semester. Das rechnen Sie gar nicht in die Arbeitszeit ein.

Eine Sprechstunde haben Sie auch noch pro Woche. Jetzt sind Sie bereits auf knappen 45 Stunden/Woche und haben noch nicht gerechnet, dass Sie Schulveranstaltungen planen, Teambesprechungen haben, Jahresplanungen erstellen usw.

Warum man lange Ferien braucht

Sie werden also, wenn Sie Ihre Arbeit ernsthaft betreiben, und das tun die meisten von uns, etwa 50 Wochenstunden für einen Vollzeitjob während des Schuljahres aufwenden. Und das ist in Ordnung, denn zum Glück haben Sie längere Ferien, in denen Sie sich erholen oder, wie einige von uns das machen, einfach einmal in Ruhe Ideen für den Unterricht sammeln können.

Ich glaube nicht, dass wir Lehrerinnen viel zu viel arbeiten, aber keinesfalls arbeiten wir zu wenig! Und: Wir haben einen tollen Job, wir machen ihn gerne, auch wenn ich zum Beispiel nicht gerne sage, dass ich Lehrerin bin, denn ich werde sofort schief angeschaut! Das bringt auch Berichterstattung mit sich wie "Nur 20 Stunden Wochenarbeitszeit".

Unter Beobachtung

Das ist die Zeit, die wir in der Klasse stehen, in der wir nicht im Internet surfen können, schnell einmal ins Facebook schauen, rasch auf einen Kaffee, eine rauchen gehen, in der Nase bohren, kurz ausschnaufen. Das ist die Zeit, in der wir zu 100 Prozent in der Öffentlichkeit und unter Beobachtung stehen, in der wir gestalten und ununterbrochen verantwortlich sind. Es ist eine tolle Zeit, aber nicht zu vergleichen, mit der Zeit, die man in einem anderen Job zum Beispiel im Büro verbringt. (Ich spreche aus Erfahrung, da ich erst mit 35 Jahren umgestiegen bin.) Das sind diese 20 Wochenstunden.

Der Rest ist mindestens genauso zeitaufwendig. Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie müssen zwei Stunden mehr unterrichten. Das bedeutet meist ca. 25 bis 30 Schülerinnen mehr, also auch mehr Hefte, mehr Vorbereitungen, mehr ... zwei Stunden in der Schule mehr, das ist nicht alles. Aber es ist leider alles, worüber man redet, und auch Sie - liebe STANDARD-Redaktion - schreiben.

Niedriger Lohn

Schade! Ich rate jedem und jeder davon ab, Lehrerin oder Lehrer zu werden. Ich würde es nicht mehr tun, nicht mit diesem Stand in der Gesellschaft und unter diesen Bedingungen. Meine ehemaligen Kolleginnen und Kollegen verdienen etwa das Dreifache von mir und werden nicht so sehr ausgepfiffen. Ich war Juristin.

Reformiert muss das Bildungssystem werden und zwar von Grund auf. Das Lehrerdienstrecht ist nur ein gut gelungenes Ablenkungsmanöver und bringt meiner Meinung nach nichts, außer dass das Schulsystem immer mehr ambitionierte und gute LehrerInnen verliert. Schade. (Leserkommentar, Elisabeth Schwarz, derStandard.at, 19.11.2013)

Elisabeth Schwarz ist Lehrerin.
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