Pannonicus_Gehet hin, Erleuchtung

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alwis
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Pannonicus_Gehet hin, Erleuchtung

Post by alwis »

Der Auftrag

"Gehet hin", das ist verständlich,
"lehret" ist genauso klar,
"alle Völker" schluß- und endlich
macht den Auftrag offenbar.

Aber leicht wird's mißverstanden:
Nimmt man Wörter wörtlich bloß,
kommt des Wortes Sinn abhanden -
leere Formel wird Verstoß.

Wie sich zeigte, folgten viele
rechten Glaubens dem Gebot,
weihten sich dem hohen Ziele,
scheuten nicht vor Pein und Not.

Manche gingen zwar und lehrten,
doch im Dienste der Gewalt -
sie verschafften den Bekehrten
eher Leid als Trost und Halt.

Andrerseits wird übersehen
- weil dem seichten Blick verdeckt -
daß im Aufruf hinzugehen
weise Weltenordnung steckt:

Völker sollen Völker bleiben
und am besten, wo sie sind! -
Müßte man ins Stammbuch schreiben,
es verstünde selbst ein Kind.

Hinzugehen ist indessen
gar nicht zwingend, denn vielleicht
wird der Endzweck angemessen
auch auf andre Art erreicht.

Ja, es mag nicht minder frommen,
wird der Auftrag so erfaßt:
Lehret alle, die da kommen!
Sinn entscheidet – und der paßt.

Bot sich je in diesen Landen
mehr der Möglichkeiten an?
Zur Genüge sind vorhanden
solche, die man lehren kann.

Frei ist obendrein die Lehre,
wenigst steht es im Gesetz -
trotzdem scheint es, grad als wehre
gegen Fische sich das Netz!

Zweifel herrschen im Getriebe
über richtig und verkehrt:
Ist das Schweigen Nächstenliebe?
Wär' es besser, daß man lehrt?

Wie erklärt sich, daß das Trachten
nicht mit Vorrang denen gilt,
die sich hier zu Nächsten machten?
Ist man nicht dazu gewillt?

Knüpfen Fischer ihre Maschen
etwa mit Bedacht zu weit,
um statt dessen zu erhaschen
feiles Lob vom Geist der Zeit?

Dann verkennen die Vernarrten,
daß die Duldsamkeit am Schluß
zur Beliebigkeit entarten
und zum Abfall führen muß!

Fremde nicht zu überzeugen
heißt in Folge schicksalhaft,
fremder Lehre sich zu beugen,
fremdem Wesen, fremder Kraft.

So verschuldet falsches Deuten,
daß der Auftrag untergeht -
wo die Glocken nimmer läuten,
kam die Einsicht wohl zu spät...

Pannonicus


Ungebetene Erleuchtung

Licht – es ist in Menschenhänden
nicht auf jeden Fall Gewinn:
Leuchten kann es oder blenden,
wörtlich und im Doppelsinn.

Manche Leuchten sind indessen
Blender nur bei Licht besehn
oder glauben höchst vermessen,
einzigartig dazustehn!

Nun, was immer sie verblendet,
Hoffnung bleibt, daß irgendwann
dank Erleuchtung gnädig endet,
was in Dunkelheit begann.

Keinen sollte drum verdrießen,
was für Nächstenliebe steht,
nämlich andre einzuschließen
in die Bitten, ins Gebet.

Aber ach, wie wird gestritten,
weil just jene, die gemeint,
die Erleuchtung sich verbitten,
die den Betern richtig scheint!

Daß auch Christen sich erlauben,
gegen dies Gebet zu sein,
heißt, sie stufen fremden Glauben
höher als den eignen ein.

Ja, im Grunde wird Bekehren
so dem Christentum verwehrt -
selbst Bekehren bloß durch Lehren,
nicht mit Feuer oder Schwert!

In der Tat, das macht betreten -
muß am Ende gar der Christ
für die Nichterleuchtung beten,
daß die Welt zufrieden ist?

Pannonicus
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