Der Fall Galilei - Mythos und Aktualität
Posted: 15.11.2007, 20:13
Die Minoritenkirche, 10. Jahrgang Nr. 117, Nov. 2007
Der Fall Galilei - Mythos und Aktualität
Im Nov. 1992 hielt Papst Joh. Paul II. eine vielbeachtete Rede vor der Akademie der Wissenschaften über das Verhältnis von Wissenschaft und Glaube. Dabei kam er auch auf den "Fall Galileo Galilei" zu sprechen.
Der 15. Jahrestag dieser Rede ist Anlaß, dieses Thema hier aufzugreifen:
Wer heute ein Gespräch über die Kirche und den Glauben führen will, wird gerne mit den "Verfehlungen" der Kirche vergangener Tage konfrontiert. Dabei sind es immer dieselben Vorwürfe, die gegen die Kirche erhoben werden:
Die Kreuzzüge, die Hexenverbrennungen, der Fall Galilei usw. Nicht selten sind diese Vorwürfe mit sehr mangelhafter Kenntnis der historischen Ereignisse verbunden.
Galileo Galilei (aus Wikipedia) (* 15. Februar 1564 in Pisa; † 8. Januar 1642 in Arcetri bei Florenz) war ein italienischer Mathematiker, Physiker und Astronom, der bahnbrechende Entdeckungen auf mehreren Gebieten der Naturwissenschaften machte.
So hat sich auch der "Fall Galilei" zu einem Art Mythos etnwickelt, in dem das dargelegte Bild der Ereignisse von der Wirklichkeit weit entfernt ist. Dazu gehören Legenden wie die Kerkerhaft oder gar Folter Galileis.
Tatsächlich war Galileis "Kerker" in Rom für eine Woche der Palazzo Medici, der Sitz des florentinischen Gesandten, und dann für etwa fünf Monate das erzbischöfliche Palais in Siena. Der Erzbischof von Siena Ascanio Piccolomini war ein Schüler und enger Freund Galileis. Nach Siena wurde Galilei auch deswegen gesandt, weil in seiner Heimat Florenz die Pest wütete.
Eine weitere Legende stellt jene berühmte vom Ausspruch "Und sie dreht sich doch" dar, den Galilei trotzig aufstampfend nach seiner Abschwörung gemacht haben soll.
In den Quellen zur Biografie Galileis findet sich davon keine Spur.
Weiters das Schreckgespenst einer Naturwissenschaft in den Knebeln von Theologie und Kirche, der eine unangemessene Kompetenzanmaßung zur Last gelegt wird.
Diese Legenden zeigen die Qualität eines Geschichtsbildes, das von einer antikirchlichen Propaganda des 19. Jhdts. geprägt wurde und nicht einmal einen Versuch unternommen hatte, die Ereignisse fair vom Wissensstand der damailigen Zeit her zu beurteilen.
Ein Rückblick
Die Idee, die Sonne könnte im Mittelpunkt der Welt stehen, war nicht neu. Schon die griechische Filosofie hatte die Möglichkeit eines heliozentrischen Systems angedacht. Allerdings stand jeder Augenschein und jede Erfahrung dagegegen, sodaß sich diese Idee nicht durchsetzen konnte.
Um die Mitte des 14. Jhdts lehrte der Pariser Prof. und spätere Bischof Nicolas d´Oresme die Achsendrehung der Erde. Später folgten ihm darin Nikolaus von Kues und der Ferrareser Prälat Calcagnini, der 1520 ein Werk veröffentlichte mit dem Titel:
"Der Himmel steht fest und die Erde bewegt sich".
(Und Galilei wurde erst 44 Jahre später geboren!)
1543 erschien das bahnbrechende Werk des Frauenburger Domherrn Nikolaus Kopernikus "De revolutionibus orbium celestium". Schon 1533, zehn Jahre vor der Veröffentlichung, hatte sich Papst Klemens VII. die Lehre des Kopernikus erklären lassen. Bischof Tiedemann Giese von Kulm und der Dominikanerkardinal Nikolaus Schönberg waren es, die Kopernikus drängten, seine Forschungsergebnisse zu veröffentlichen. Als dies geschah, nahm Papst Paul III. die Widmung des Werkes an, und dieses fand ungehinderten Eingang und unbefangene Aufnahme in der katholischen Welt.
Widerspruch kam von Luther, der über Kopernikus polemisierte: "Der Narr will die ganze Kunst Astronomiae umkehren. Aber wie die heilige Schrift anzeiget, so hieß Josua die Sonne still stehen, und nicht das Erdreich."
Ebenso wandte sich Melanchton gegen Kopernikus und schrieb, es gebe Leute, die allem Anschein zum Trotz allerlei Possen über die Bewegung der Himmelskörper erdichteten. Angesichts der großen Finsternisse des menschlichen Geistes solle man sich an das Wort Gottes halten, das im Wortsinn zu verstehen sei.
Johannes Keppler, der wie Kopernikus lehrte, mußte das protestantische Tübingen verlassen und fand fortan im katholischen Bereich sein Wirkungsfeld.
Die Auffassung , die Sonne stünde fest und die Erde würde sich bewegen, war also schon lange vor Galilei bekannt und wurde auch auf katholischen Universitäten gelehrt; - allerdings, und das war der entscheidende Unterschied zu Galilei, als Hypothese gelehrt.
Galileis große Anerkennung
Nach der Erifindung des Fernrohres baute der praktisch veranlagte Galilei um 1609 selbst ein Fernrohr. Damit enteckte er, daß die Oberfläche des Mondes keineswegs - wie von den Filosofen gelehrt - gasförmig war, sondern fest und damit der Oberfläche der Erde ähnlich. Er entdeckte weiter die Jupitermonde und die Fasen der Venus. Seine Entdeckungen veröffentlichte Galilei 1610 in seiner Schrift "Sidereus Nuntius", zu deutsch "Sternenbote". Die Wirkung dieser Schrift war ungeheuer. Weder Kopernikus noch Kepler riefen mit ihren Werken einen solchen "Ausbruch der Gefühle" seitens des Publikums hervor, wie Galileis Sternenbote. In unseren Tagen ist seine Wirkung vielleicht mit dem Erlebnis zu vergleichen, das Millionen hatten, als sie am Fernsehschirm die erste Landung eines Menschen auf dem Mond mitverfolgten.
Sowohl Kepler aus auch der am Collegio Romano Mathematik und Astronomie lehrende Jesuit Chritof Clavius gratulierten Galilei zu seiner Schrift. Von MÄrz bis Juni 1611 unternahm Galilei eine Reise nach Rom. Dort wurde er begeistert gefeiert, sowohl von kirchlicher aus auch von weltlicher Seite. Im Collegio Romano der Jesuiten traf er mit den Jesuitengelehrten und Astronomen Clavius, Grienberger, von Maelcote und Lembo zusammen. Kardinal Bandini lud in die Gärten des Quirinalspalastes die Spitzen der römischen Gesellschaft, damit sie dort duch Galileis Fernrohr blicken konnten. Auch Kardinal Robert Bellarmin war unter den Gästen.
Höhepunkt seines Triumfes war eine Audienz bei Papst Paul V., der Galilei mit Zeichen außergewöhnlicher Hochschätzung ehrte. Entgegen allem Protokoll ließ er es nicht zu, daß Galilei gebeugten Knies mit ihm sprach. Angesichts der großen Anerkennung, die Galileis Beobachtungen fanden, machte er selbst kein Geheimnis daraus, daß er das Weltbild des Kopernikus für das richtige hilet. Obwohl er sich in keiner seiner Schriften der damaligen Zeit ausdrücklich dazu bekannte, ließ er keine Gelegenheit verstreichen, um in Gesprächen für Kopernikus zu werben. Dabei gab er sich wohl kaum Rechenschaft darüber, wie sehr er sich zu der allgemein herrschenden Überzeugung vom Feststehen der Erde und der Bewegung der Sonne, dem sogenannten System des Ptolemäus, im Gegensatz befand.
Für die weitere Entwicklung war von großer Bedeutung, daß die Jesuitenastronomen der römischen Universität mit Galilei erkannten, daß - und das, aber nur das, lehrten die Fasen der Venus - wenigstens ein Planet sich um die Sonne bewegte und so das ptolemäische System nicht mehr zu halten war. Die Folgerungen, die sie daraus zogen, waren allerdings weit vorsichtiger al jene Galileis.
Kardinal Belarmin legte am 19. April 1611 seinen Ordensbrüdern, den Jesuitengelehrten des Collegio Romano, fünf Fragen vor. Er wollte wissen, ob diese, in seinen Fragen einzeln angeführten Beobachtungen Galileis, den Tatsachen entsprächen. Die Antwort erfolgte binnen fünf Tagen. Sie enthielt mit geringfügigen Unterschieden die Bestätigung der Beobachtungen Galileis. Nun kam es darauf an, welche Folgerungen aus diesen Entdeckungen gezogen würden. Die Auseinandersetzung um Kopernikus begann, und Kardinal Bellarmin übernahm darin die führende theologische Rolle.
Der wissenschaftlich kompetente und moralisch redliche Umgang mit den Entdeckungen Galileis führte dazu, daß von kirchlicher Seite Galilei niemals der Vorwurf des Betruges gemacht wurde.
Eine neue Erkenntnismethode
Galileis größte Gegenerschaft formierte sich aber unter den Filosofen. Diese Gelehrten waren keine Nturwissenschaftler im heutigen Sinn. Ihr Ausgangspuntk war die Lehre des Aristoteles, die höchste Autorität besaß. Ihre Naturerklärung bestand darin, diese Lehren nach den Gesetzen der Logik zu interpretieren und anzuwenden: eine damals allgemein anerkannte Methode, mit der man jahrhundertelang gut gefahren war.
So befand sich Galilei zum Beispielmit Gelehrten aus Pisa im Streit über das Verhältnis von festen und flüssigen Körpern. Die Pisaner Filosofen behaupteten, Eis sei schwerer als Wasser, denn Eis sei durch Kälte verdichtetes Wasser und verdichtete Stoffe seien immer schwerer als das nicht verdichtete Wasser.
Galilei folgte aber der Beobachtug, daß Eis auf dem Wasser schwimme und stellte dazu Berechnungen an.
Aus diesem Streit entstand im Herbst 1611 Galileis Schrift "Erörterungen über die im Wasser schwimmenden oder sich bewegenden Körper".
Die Erörterung dieser Frage verließ bald den eigentlichen Streitpunkt und weitet sich zu prinzipiellen Frage aus, was mehr Autorität habe: Beobachtung und Berechnung oder die Lehre des Aristoteles.
Der Streit um diese prinzipielle Frage war erbittert. Schrift und Gegenschrift folgten einander auf dem Fuß. Der Umstand, daß Galilei eine flotte Feder schrieb, sicherte ihm zwar publizistischen ERfolg, machte ihn aber bei seinen Gegenern weder beliebt noch glaubwürdiger.
Der Fall Galilei - Mythos und Aktualität
Im Nov. 1992 hielt Papst Joh. Paul II. eine vielbeachtete Rede vor der Akademie der Wissenschaften über das Verhältnis von Wissenschaft und Glaube. Dabei kam er auch auf den "Fall Galileo Galilei" zu sprechen.
Der 15. Jahrestag dieser Rede ist Anlaß, dieses Thema hier aufzugreifen:
Wer heute ein Gespräch über die Kirche und den Glauben führen will, wird gerne mit den "Verfehlungen" der Kirche vergangener Tage konfrontiert. Dabei sind es immer dieselben Vorwürfe, die gegen die Kirche erhoben werden:
Die Kreuzzüge, die Hexenverbrennungen, der Fall Galilei usw. Nicht selten sind diese Vorwürfe mit sehr mangelhafter Kenntnis der historischen Ereignisse verbunden.
Galileo Galilei (aus Wikipedia) (* 15. Februar 1564 in Pisa; † 8. Januar 1642 in Arcetri bei Florenz) war ein italienischer Mathematiker, Physiker und Astronom, der bahnbrechende Entdeckungen auf mehreren Gebieten der Naturwissenschaften machte.
So hat sich auch der "Fall Galilei" zu einem Art Mythos etnwickelt, in dem das dargelegte Bild der Ereignisse von der Wirklichkeit weit entfernt ist. Dazu gehören Legenden wie die Kerkerhaft oder gar Folter Galileis.
Tatsächlich war Galileis "Kerker" in Rom für eine Woche der Palazzo Medici, der Sitz des florentinischen Gesandten, und dann für etwa fünf Monate das erzbischöfliche Palais in Siena. Der Erzbischof von Siena Ascanio Piccolomini war ein Schüler und enger Freund Galileis. Nach Siena wurde Galilei auch deswegen gesandt, weil in seiner Heimat Florenz die Pest wütete.
Eine weitere Legende stellt jene berühmte vom Ausspruch "Und sie dreht sich doch" dar, den Galilei trotzig aufstampfend nach seiner Abschwörung gemacht haben soll.
In den Quellen zur Biografie Galileis findet sich davon keine Spur.
Weiters das Schreckgespenst einer Naturwissenschaft in den Knebeln von Theologie und Kirche, der eine unangemessene Kompetenzanmaßung zur Last gelegt wird.
Diese Legenden zeigen die Qualität eines Geschichtsbildes, das von einer antikirchlichen Propaganda des 19. Jhdts. geprägt wurde und nicht einmal einen Versuch unternommen hatte, die Ereignisse fair vom Wissensstand der damailigen Zeit her zu beurteilen.
Ein Rückblick
Die Idee, die Sonne könnte im Mittelpunkt der Welt stehen, war nicht neu. Schon die griechische Filosofie hatte die Möglichkeit eines heliozentrischen Systems angedacht. Allerdings stand jeder Augenschein und jede Erfahrung dagegegen, sodaß sich diese Idee nicht durchsetzen konnte.
Um die Mitte des 14. Jhdts lehrte der Pariser Prof. und spätere Bischof Nicolas d´Oresme die Achsendrehung der Erde. Später folgten ihm darin Nikolaus von Kues und der Ferrareser Prälat Calcagnini, der 1520 ein Werk veröffentlichte mit dem Titel:
"Der Himmel steht fest und die Erde bewegt sich".
(Und Galilei wurde erst 44 Jahre später geboren!)
1543 erschien das bahnbrechende Werk des Frauenburger Domherrn Nikolaus Kopernikus "De revolutionibus orbium celestium". Schon 1533, zehn Jahre vor der Veröffentlichung, hatte sich Papst Klemens VII. die Lehre des Kopernikus erklären lassen. Bischof Tiedemann Giese von Kulm und der Dominikanerkardinal Nikolaus Schönberg waren es, die Kopernikus drängten, seine Forschungsergebnisse zu veröffentlichen. Als dies geschah, nahm Papst Paul III. die Widmung des Werkes an, und dieses fand ungehinderten Eingang und unbefangene Aufnahme in der katholischen Welt.
Widerspruch kam von Luther, der über Kopernikus polemisierte: "Der Narr will die ganze Kunst Astronomiae umkehren. Aber wie die heilige Schrift anzeiget, so hieß Josua die Sonne still stehen, und nicht das Erdreich."
Ebenso wandte sich Melanchton gegen Kopernikus und schrieb, es gebe Leute, die allem Anschein zum Trotz allerlei Possen über die Bewegung der Himmelskörper erdichteten. Angesichts der großen Finsternisse des menschlichen Geistes solle man sich an das Wort Gottes halten, das im Wortsinn zu verstehen sei.
Johannes Keppler, der wie Kopernikus lehrte, mußte das protestantische Tübingen verlassen und fand fortan im katholischen Bereich sein Wirkungsfeld.
Die Auffassung , die Sonne stünde fest und die Erde würde sich bewegen, war also schon lange vor Galilei bekannt und wurde auch auf katholischen Universitäten gelehrt; - allerdings, und das war der entscheidende Unterschied zu Galilei, als Hypothese gelehrt.
Galileis große Anerkennung
Nach der Erifindung des Fernrohres baute der praktisch veranlagte Galilei um 1609 selbst ein Fernrohr. Damit enteckte er, daß die Oberfläche des Mondes keineswegs - wie von den Filosofen gelehrt - gasförmig war, sondern fest und damit der Oberfläche der Erde ähnlich. Er entdeckte weiter die Jupitermonde und die Fasen der Venus. Seine Entdeckungen veröffentlichte Galilei 1610 in seiner Schrift "Sidereus Nuntius", zu deutsch "Sternenbote". Die Wirkung dieser Schrift war ungeheuer. Weder Kopernikus noch Kepler riefen mit ihren Werken einen solchen "Ausbruch der Gefühle" seitens des Publikums hervor, wie Galileis Sternenbote. In unseren Tagen ist seine Wirkung vielleicht mit dem Erlebnis zu vergleichen, das Millionen hatten, als sie am Fernsehschirm die erste Landung eines Menschen auf dem Mond mitverfolgten.
Sowohl Kepler aus auch der am Collegio Romano Mathematik und Astronomie lehrende Jesuit Chritof Clavius gratulierten Galilei zu seiner Schrift. Von MÄrz bis Juni 1611 unternahm Galilei eine Reise nach Rom. Dort wurde er begeistert gefeiert, sowohl von kirchlicher aus auch von weltlicher Seite. Im Collegio Romano der Jesuiten traf er mit den Jesuitengelehrten und Astronomen Clavius, Grienberger, von Maelcote und Lembo zusammen. Kardinal Bandini lud in die Gärten des Quirinalspalastes die Spitzen der römischen Gesellschaft, damit sie dort duch Galileis Fernrohr blicken konnten. Auch Kardinal Robert Bellarmin war unter den Gästen.
Höhepunkt seines Triumfes war eine Audienz bei Papst Paul V., der Galilei mit Zeichen außergewöhnlicher Hochschätzung ehrte. Entgegen allem Protokoll ließ er es nicht zu, daß Galilei gebeugten Knies mit ihm sprach. Angesichts der großen Anerkennung, die Galileis Beobachtungen fanden, machte er selbst kein Geheimnis daraus, daß er das Weltbild des Kopernikus für das richtige hilet. Obwohl er sich in keiner seiner Schriften der damaligen Zeit ausdrücklich dazu bekannte, ließ er keine Gelegenheit verstreichen, um in Gesprächen für Kopernikus zu werben. Dabei gab er sich wohl kaum Rechenschaft darüber, wie sehr er sich zu der allgemein herrschenden Überzeugung vom Feststehen der Erde und der Bewegung der Sonne, dem sogenannten System des Ptolemäus, im Gegensatz befand.
Für die weitere Entwicklung war von großer Bedeutung, daß die Jesuitenastronomen der römischen Universität mit Galilei erkannten, daß - und das, aber nur das, lehrten die Fasen der Venus - wenigstens ein Planet sich um die Sonne bewegte und so das ptolemäische System nicht mehr zu halten war. Die Folgerungen, die sie daraus zogen, waren allerdings weit vorsichtiger al jene Galileis.
Kardinal Belarmin legte am 19. April 1611 seinen Ordensbrüdern, den Jesuitengelehrten des Collegio Romano, fünf Fragen vor. Er wollte wissen, ob diese, in seinen Fragen einzeln angeführten Beobachtungen Galileis, den Tatsachen entsprächen. Die Antwort erfolgte binnen fünf Tagen. Sie enthielt mit geringfügigen Unterschieden die Bestätigung der Beobachtungen Galileis. Nun kam es darauf an, welche Folgerungen aus diesen Entdeckungen gezogen würden. Die Auseinandersetzung um Kopernikus begann, und Kardinal Bellarmin übernahm darin die führende theologische Rolle.
Der wissenschaftlich kompetente und moralisch redliche Umgang mit den Entdeckungen Galileis führte dazu, daß von kirchlicher Seite Galilei niemals der Vorwurf des Betruges gemacht wurde.
Eine neue Erkenntnismethode
Galileis größte Gegenerschaft formierte sich aber unter den Filosofen. Diese Gelehrten waren keine Nturwissenschaftler im heutigen Sinn. Ihr Ausgangspuntk war die Lehre des Aristoteles, die höchste Autorität besaß. Ihre Naturerklärung bestand darin, diese Lehren nach den Gesetzen der Logik zu interpretieren und anzuwenden: eine damals allgemein anerkannte Methode, mit der man jahrhundertelang gut gefahren war.
So befand sich Galilei zum Beispielmit Gelehrten aus Pisa im Streit über das Verhältnis von festen und flüssigen Körpern. Die Pisaner Filosofen behaupteten, Eis sei schwerer als Wasser, denn Eis sei durch Kälte verdichtetes Wasser und verdichtete Stoffe seien immer schwerer als das nicht verdichtete Wasser.
Galilei folgte aber der Beobachtug, daß Eis auf dem Wasser schwimme und stellte dazu Berechnungen an.
Aus diesem Streit entstand im Herbst 1611 Galileis Schrift "Erörterungen über die im Wasser schwimmenden oder sich bewegenden Körper".
Die Erörterung dieser Frage verließ bald den eigentlichen Streitpunkt und weitet sich zu prinzipiellen Frage aus, was mehr Autorität habe: Beobachtung und Berechnung oder die Lehre des Aristoteles.
Der Streit um diese prinzipielle Frage war erbittert. Schrift und Gegenschrift folgten einander auf dem Fuß. Der Umstand, daß Galilei eine flotte Feder schrieb, sicherte ihm zwar publizistischen ERfolg, machte ihn aber bei seinen Gegenern weder beliebt noch glaubwürdiger.