Die Irrtümer der "Freiwirtschaft"
Reaktionäre Ideologie oder halbherziger Liberalismus?
Inhalt
1. Einleitung
2. Zinsen schaden?
3. Zinsen verteuern?
4. Zinseszinsen?
5. Schwundgeld?
6. Freitauscher?
7. Was bleibt?
Reaktionäre Ideologie oder halbherziger Liberalismus?
Es finden sich zahlreiche Theorien darüber, was all die angeblich so neuen Übel heutiger Volkswirtschaften verursacht und wie diese zu beseitigen wären. Besonders populär sind die Ideen von Silvio Gesell, einem 1862 geborenen Kaufmann. Dessen Theorie der "Freiwirtschaft" fällt dadurch positiv aus der Reihe, dass sie im Gegensatz zu anderen Welterklärungsmodellen nicht ökonomische Unwissenheit mit hasserfüllter Ablehnung alles "Wirtschaftlichen" kaschiert. Marktwirtschaft ja, aber "natürlich", ist die Devise der "Freiwirtschafter". Diese "natürliche" Wirtschaftsordnung scheint zunächst nicht unsympathisch, doch das "Bio-Etikett" überklebt auch in diesem Fall schwerwiegende Irrtümer über Ökonomie und menschliche Natur.
Diese Irrtümer lassen sich besonders gut anhand einer Bildgeschichte illustrieren, die zur Verbreitung des Gedankengutes von der Gesell Research Society Japan gestaltet wurde - nach einer Geschichte von Gesell. In diesem rührenden Manga besucht ein Gesell-Jünger als "Freitag" Robinson auf seiner Insel und überzeugt ihn von Gesells Ideen: Die Wurzel allen Übels wären Zinsen, Robinson solle ihm sein Kapital (Getreide) zinslos leihen.
Robinson ist zunächst skeptisch, doch der rehäugige, arische Jüngling (im Manga "Mensana" genannt - mens sana in corpore sano) strahlt ein solches Charisma aus, dass jeder Widerstand bald gebrochen ist. So lässt sich der arme Robinson bald einreden, zinsloser Verleih entspräche dessen ureigenstem Interesse, denn sein mühsam gespartes Korn würde doch nur von Würmern gefressen, wenn "Mensana" es ihm nicht hilfreich abnähme.
Auf diese Weise wären nur noch alle anderen Menschen zu überzeugen und Zinsen, Arbeitslosigkeit, Armut - alles ursächlich verknüpft - würden der Vergangenheit angehören. Diese Botschaft verbreiten weltweit immer mehr Missionare in der Tradition Gesells.
Doch diese Ideologie lässt sich bald als das entblößen, was sie eigentlich ist: einer jener reaktionären Rufe nach der Stammesgesellschaft, wie sie das politische Denken seit der industriellen Revolution im Bann halten. Solche Denkmuster fangen immer in etwa so an: "Wenn WIR nur alle …" - lieb zu einander wären, kein Geld von einander verlangen würden, niemanden entlassen, alle gut bezahlen, etc. etc.
Heute leben wir jedoch in einer anonymen, "offenen Gesellschaft" (nach Karl Popper), nicht mehr in kleinen, geschlossenen Sippen. In diesem Rahmen haben wir unentwegt mit Fremden zu tun. Wir lieben diese Fremden nicht wie Geschwister und sie uns nicht. Aber wir schlagen ihnen auch nicht mehr so einfach die Köpfe die ein. In modernen, offenen Gesellschaften finden Menschen eine normative Grundlage für friedliches Zusammenleben mit Fremden. Nicht alle genießen unser uneingeschränktes Vertrauen - es gibt nicht nur engelsgleiche, unschuldige Jünglinge. Darum verleihen wir Fremden selten etwas, das uns wertvoll ist, ohne dass jemand das "Vertrauensrisiko" trägt. Der echte "Freitag" sah fremdartig aus und sprach nicht Robinsons Sprache, auf Anhieb hätte letzterer ihm nicht nur nicht zinslos geliehen, sondern überhaupt nicht.
Kaum jemand würde einem Fremden (im Gegensatz zu einem Angehörigen der eigenen Sippe, bzw. Familie) auf der Straße Kapital leihen (Kapital umfasst natürlich wesentlich mehr als bloß Geld). Dies wäre verheerend - es gäbe keinen zureichenden Zugang zu Kapital, massiver Wohlstandsverlust wäre die Folge. Glücklicherweise haben sich Institutionen entwickelt, die jene wichtige Funktion einer Vertrauensbrücke zwischen Fremden übernehmen.
Irrtum Nr. 1: Zinsen sind "künstlich" und schädlich
Zinsen sind die unmittelbare Folge menschlicher Präferenzen: sie spiegeln u.a. deren Zeitpräferenz wieder. Menschen ziehen üblicherweise die augenblickliche Verfügbarkeit von Gütern einer späteren Verfügbarkeit vor. Die Wahl zwischen €1.000 sofort auf die Hand und dem selben Betrag nach zehn Jahren fällt nicht schwer.
Zinsen gelten den Verlust an Verfügbarkeit, das Risiko und die Transaktionskosten ab. Dass gerade diese Institution solches Misstrauen hervorruft, ist erstaunlich. Denn Zinsen dienen nicht nur der Entschädigung des Kapitaleigners, sondern haben darüber hinaus großen Nutzen für jene, die über wenig Kapital verfügen (es gibt niemanden gänzlich ohne Kapital). Dies wird gerade am Übergang zwischen "Sippe" und "Fremden" deutlich:
Kaum jemand verleiht gerne Bücher, die einem wichtig sind - Verbrauchspuren sind schwer vermeidbar und der logistische Aufwand durch Außenstände kann beträchtlich sein. Gäbe es eine gesellschaftliche Institution eines allgemein anerkannten "Buchzinses", d.h. wäre es selbstverständlich, dass sogar Bekannte eine kleine Entschädigung leisten, käme es zu einem weitaus größeren Leihaufkommen und einer besseren Verfügbarkeit und Ausnutzung von Büchern - oder anderen Gütern. Besteht eine solche Institution nicht, sind die Transaktionskosten zu hoch: der Vorschlag einer solchen Entschädigung erscheint unverschämt und gierig - da verleiht man lieber gar nicht, bzw. traut sich nicht um ein Buch zu fragen - was vor allem auf Kosten des Leihnehmers, nicht des Eigentümers, geht.
Daher ist die Alternative zu einem Zins auf Kapital nicht zinsloses Kapital, sondern gar keines! Eine Volkswirtschaft, die nur vom guten Willen ihrer Einwohner abhängt, Fremde im wahrsten Sinne "brüderlich" zu behandeln, wird sich früher oder später auf Familienbetriebe krank schrumpfen.
Man sollte meinen, nach der schrecklichen "Wucherhetze" - bis zuletzt im Dritten Reich - sei endlich Vernunft einkehrt. Die Juden, die aufgrund kirchlicher Verbote oft die einzigen Bankensubstitute waren, schadeten den Menschen natürlich nicht durch Zinsforderungen, sondern nützten ihnen - ohne der Voraussetzung von Vertrauen oder Wohlwollen - durch mehr verfügbares Kapital.
Freilich, in der völkischen Sippe leihen alle kostenlos, helfen sich freiwillig, lieben sich und ihren Führer bedingungslos und ohne Eigennutz. Es überrascht daher nicht, bei Nationalsozialisten ähnliches Gedankengut zu finden vom "Ende der Zinsknechtschaft". Für Hitler war die Thematik sogar besonders wichtig: Er behauptete, die Theorien von Gottfried Feder, dem er zuschrieb, "den ebenso spekulativen wie volkswirtschaftsschädlichen Charakter des Börsen- und Leihkapitals festgelegt, seine urewige Voraussetzung des Zinses bloßgelegt zu haben", wären genau jenes fehlende ideologische Element gewesen, das die Gründung der NSDAP verlangte.
Irrtum Nr. 2: Zinsen verteuern Endprodukte und treffen so die Armen
Gesell und seine Jünger argumentieren, dass durch die Verzinsung von Kapital ein enormer Kostendruck entsteht, der Preise in die Höhe treibt. Jedes Unternehmen müsse als Konsequenz mindestens so viel Profit machen, wie eine Bank Zinsen zahlt. Dies führe zu einer aberwitzigen Profit- und Preis-Spirale, die die Armen besonders trifft.
Tatsächlich lernt jeder Student der Kostenrechnung, dass die innere Rendite jeder Kapitalverwendung höher als ein bestimmter Zinsfuß sein muss, der meist mit dem gängigen Bankzins angenommen wird. Dies ist eine vereinfachte Opportunitätskostenrechnung, die ohne Existenz von Zinsen und Banken ebenfalls durchgeführt werden müsste.
Jede Entscheidung ist eine Entscheidung für eine Alternative und gegen eine andere. Wenn ich mich entscheide fernzusehen, entscheide ich mich dagegen, im selben Moment Sport zu betreiben. Meine Entscheidung hat versteckte Kosten: hier geht Erholung vor dem Fernseher auf Kosten körperlicher Ertüchtigung und Spaß bei Bewegung. Solche versteckten Kosten nennt man Opportunitätskosten, wir berücksichtigen sie unbewusst in fast allen unserer Entscheidungen.
Wenn eine Unternehmerin eine Maschine um €100.000,- kauft und damit Güter im Wert von €150.000,- herstellt, gewinnt sie auf den ersten Blick €50.000,-. Doch auf den zweiten Blick könnte sich herausstellen, dass zwei alternative Maschinen um jeweils €50.000,- Güter im Wert von €200.000,- produziert hätten. Dann wären die Opportunitätskosten zu hoch, aufgrund einer schlechten Allokation wäre weniger Wohlstand geschaffen worden. Sie wäre eine fahrlässige Unternehmerin, die den Bestand des Unternehmens und damit die Beschäftigung der Belegschaft aufs Spiel setzt, wenn sie dies nicht berücksichtig hätte.
Nun gibt es immer unendlich viele "Opportunitäten". Nur zur Vereinfachung rechnen Betriebswirte mit Bankzinsen. Sie stellen sich also die wichtige Frage: nütze ich mein knappes Kapital besser als andere Leute es vermögen? Wenn nein, sollte ich es nicht sein lassen und mein Kapital diesen Leuten zur Verfügung stellen? Diese Frage würde sich auch stellen, wenn Zinsen "verboten" wären. Hätte ein anderes Unternehmen eine Rendite von 5%, man selbst aber nur 2%, so müsste man sich eben fragen, ob es nicht für ALLE besser wäre, sich dort einzukaufen, anstatt selbst weniger effizient - also teurer - zu produzieren.
Fragen dieser Art stellen wir uns laufend. Ist meine Arbeit ihr Ergebnis wert? Wenn der Geschirrspüler mehr Geschirr schafft als ich mit der Hand, warum selbst spülen? Das Gesell'sche Argument: Geschirrspüler hetzen Menschen. Weg damit! Früher war alles besser! Gemütlicher, familiärer, volkstümlicher ...
Zumal ich iranischer Herkunft bin, ärgere ich mich umso mehr über Westler, die aus Unwissenheit oder reaktionärer Sehnsucht Zinsen verteufeln. Die ideologisch vergleichbare Mullah-Diktatur im Iran verbot ebenfalls sogleich alle Zinsen. Doch nicht einmal diesen Profi-Reaktionären gelang die Abschaffung so "natürlicher" Dinge wie menschlicher Präferenzen. Heute heißen im Iran Zinsen eben nicht Zinsen, sondern Gebühren. Allerlei Behinderungen zum Zweck ideologischer Verschleierung treffen natürlich - wie meist - am schlimmsten einfache Menschen, die in ihrer Lebensplanung beeinträchtigt sind, oder schlicht keinen Arbeitsplatz finden, weil die nationale Wirtschaft aufgrund eines mangelnden Kapitalmarktes nicht hochkommt. Geld fließt auf dunklen Kanälen und bereichert gerade erst die skrupellosesten Hände. Tut leid, "Freiwirtschafter", so sieht die "natürliche Wirtschaftsordnung" aus, die ihr ersehnt.
Irrtum Nr. 3: Zinseszinsen sind ungerecht
Der Zinseszins ist schon wesentlich schwerer zu verstehen als der Zins per se. Unser Instinkt schreckt angesichts exponentieller Entwicklungen zurück; ein Mechanismus der Geldbeträge exponentiell wachsen lässt, erscheint als wahnwitzige, kapitalistische Erfindung.
Doch auch hier weit gefehlt. Es ist ja schon ein deutlicher Hinweis auf die Berechtigung dieses Mechanismus, dass er in menschlichen Ökonomien ähnlich universell auftritt wie der Zins. Warum setzt nicht ein Land ein gutes Beispiel und schafft den Zinseszins ab? Wenn wir schon Zinsen akzeptieren müssen, warum berechnen sich diese nicht immer nur aus dem Grundkapital? Können die Geldhaie denn nicht genug haben, sind sogar Zinsen auf die Zinsen notwendig, um ihre unersättliche Profitgier zu stillen?
Würde eine Bank keinen Zinseszins berechnen, also den Exponenten in der Zinsformel durch einen Faktor ersetzen, dann müsste das ja nicht eine niedrigere Zinssumme bedeuten - die Bank könnte schlicht einen etwas höheren Zinsfuß anbieten, was progressive Wirkung hätte. Warum bietet keine Bank dieses Produkt an, das doch durchaus Aussicht hätte, Kunden zu gewinnen? Ganz einfach: Zinseszins ist keine zusätzliche Erfindung nur mit dem bewussten Zweck, den Reichen noch mehr Kapitalerträge zu erwirtschaften, sondern eine logische Folge einer Kapitalverzinsung - also dem Umstand, dass Menschen, die ihr Kapital anderen zur Verfügung stellen, anstatt es selbst zu verbrauchen, dafür entschädigt werden.
In der fiktiven Bank ohne Zinseszins würden die Anleger bald folgenden Trick entdecken: sie heben in regelmäßigen Abständen ihr gesamtes Kapital mitsamt Grundverzinsung ab und zahlen es gleich darauf wieder ein (wen nötig auf ein neues Sparbuch). Wie sollte die Bank erkennen, was jenes "saubere" Grundkapital wäre, und was jener "schmutzige" Zinsertrag? Jeder Ertrag, den wir erwirtschaften, erhöht natürlich unser Grundkapital - wir haben also an einem gewissen Zeitpunkt mehr Kapital zur Verfügung. Wir können dieses Mehr konsumieren, oder es erneut anderen Menschen zur Verfügung stellen. Da wir lieber konsumieren, tun wir letzteres nur mit der Aussicht, auch für jenen Mehrbetrag wieder eine entsprechende Leihgebühr zu erhalten. Zinseszins ist nichts anderes als die logische Konsequenz - eine Zinsformel mit Faktoren statt Exponenten wäre schlicht falsch, ein Denkfehler. Langfristige Investitionen würden bestraft und Anleger übers Kreuz legt, indem man ihnen suggeriert, etwas (der Zinsertrag) gehöre ihnen, während doch die Bank, bzw. der Gläubiger nach Belieben und kostenlos darüber verfügen.
Nun lässt sich dieser Mechanismus besonders leicht durch Milchmädchenrechnungen diskreditieren, die exponentielles Wachstum illustrieren - was bei naturwissenschaftlich nicht allzu gebildeten Menschen immer zu Staunen und Unverständnis führt. Hätte jemand vor 200 Jahren €100.000 auf ein Sparbuch gelegt, dann hätte er heute bei 5% Zinsen €17 Millionen! Frechheit! Wie ungerecht! Die Reichen werden reicher und die Armen werden ärmer! Revolution!
Das beliebteste Beispiel zu exponentiellem Wachstum, das seine Wirkung bei Laien nie verfehlt, ist die bekannte Schachbrett-Rechnung. Auf jedem Feld das Doppelte, das macht 264, also das 18 Trillionen-fache. Der Zinsfuß entspräche hier 100%. Ja, wenn jemand ein bestimmtes Kapital 64 Jahre lang mit 100% Verzinsung verleiht (also jemanden findet, der so dumm ist, jedes Jahr das Doppelte zurückzuzahlen UND das gesamte, somit vermehrte Kapital wieder zu den selben Konditionen ausborgt - 64 Jahre lang!), der hat am Ende des 18 Trillionen-fache. So what? Für Beschwerden ist hier nicht Adam Smith, sondern Adam Riese zuständig
Auf gut Wienerisch nennt man solche Beispiele hättiwari. Eine Familie, deren Vorfahren vor 200 Jahren ein Vermögen eines Gegenwertes von €100.000 weder selbst konsumiert, noch den Nachkommen zur Konsumation überlassen hätten, sondern anstatt die Früchte aus ihrem Kapital zu ziehen, es immerfort mitsamt aller Erträge weiterverborgt hätten, so dass andere, die Kapital nötiger hatten, es nutzen konnten, wäre heute reich, würde sie auf einmal all das Kapital zurücknehmen, um es selbst aufzubrauchen. Nona. Auch die Urgroßeltern mussten ja sehr vermögend gewesen sein, um einen solchen Betrag auf ewig zu entbehren, nur vertröstet durch den Gedanken, die Nachkommen würden immer reicher sein - bis sich irgendeiner von ihnen entschließt, von diesem Reichtum auch etwas selbst zu haben. Dann kommen noch die geschichtlichen Wirren hinzu, die solchen Überlegungen meist einen Strich durch die Rechnung machen. Was bleibt, ist allein die Tatsache, dass Menschen, die über lange Zeit auf die Nutzung ihres Kapitals verzichten, gewöhnlich erwarten, dafür hinreichend entschädigt zu werden. Wie froh wäre man in Europa nach 1945 gewesen, wenn plötzlich überall der Mammon wieder hervorgekrochen wäre - hier, das Sparbuch meines Urururgroßvaters: mit den Zinseszinsen baue ich diese Kirche und jene Schule wieder auf, wie es sich mein Urururopi gewünscht hat. Aber fortgesetzte Verträge zur Fremdnutzung von Kapital mit konstant hohen Zinsen ohne Risiko (!) über Jahrhunderte sind eben eher selten. Die konstante Verzinsung von Bankguthaben seit dem 2. Weltkrieg in Westeuropa ist eine Folge der Papiergeldblase. In einer freien Wirtschaft können keine Werte aus Luft entstehen und Investitionen sind immer mit Risiko verbunden. Wenn ich einen (unrealistischen) "Schachbrett-Deal" mit jemandem abschließe, muss dieser ebensoviel Wohlstand schaffen. Könnte dieser tatsächlich 18-Trillionen-fache Werte schaffen - nichts besser als das!
Die Annahme eines konstanten Zinssatzes trotz ständig steigendem Kapitalstock zeugt von fehlendem ökonomischen Grundwissen. Mit dem Anstieg des Kapitalstocks muß der Zinssatz notwendigerweise ständig fallen und sich asymptotisch Null annähern. (Ökonomisch korrekt läuft die Kausalität in die andere Richtung: Wenn die Zeitpräferenzrate einer Gesellschaft sinkt, also die Leute fortwährend einen immer größeren Prozentsatzes ihres Einkommen sparen und nicht konsumieren, dann führt dies zu einem Anstieg des Kapitalstocks.) Wenn die Freiwirte ihr selbsternanntes Ziel eines zinslosen Geldes realisieren wollen, dann sollten sie nicht dem Konsum, sondern dem Sparen das Wort reden. Nur so kämen sie ihrem Ideal – einem zinsfreien Geld – so nahe wie nur irgendwie ökonomisch möglich.
Irrtum Nr. 4: Schwundgeld schafft Wohlstand
Einer der wichtigsten Mythen der Gesell'schen Offenbarung ist das sogenannte "Geldwunder von Wörgl". Die österreichische Gemeinde von Wörgl gab 1932, in einer Zeit schwerster Arbeitslosigkeit und hoher Inflation, eigenes Geld heraus.
Inflation entsteht durch den Druck von Papiergeld, das - so wie jedes andere Gut - bei größerer Menge geringeren Wert hat. Inflation ist in Wirklichkeit eine versteckte Steuer, die Politiker vorziehen, eben weil sie versteckt ist.
Besagte Gemeinde führte ihre eigene kontrollierte Inflation durch - damit war plötzlich etwas Steuergeld in der Gemeindekasse, ohne dass die Bürger die neue Steuer bemerkten. Mit diesem Geld - ganze öS12.000 - konnte die Gemeinde natürlich kleine, kurzfristige Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen finanzieren. Ein Wunder für Arme, wahrlich! Der verbliebene positive Effekt war eher psychologischer Natur, die Bürger mochten zwar leichtgläubig sein, aber blieben doch überwiegend beim gewohnten, nationalen Geld - der Umsatz des "Schwundgeldes" blieb verschwindend gering, die Bürger nutzten es klugerweise hauptsächlich zur Begleichung von Steuerschulden.
Schwindende Währungen haben im Allgemeinen ein Verfallsdatum. Dies soll zum Wiedertauschen anregen und "Geldhortung" bestrafen. Tatsächlich wirkt ein Schwund nach Ablauf einer gewissen Zeit genauso wie eine Abgabe, die dem Zeitpräferenz-Diskont entspricht. Je stärker der Schwund, desto höher diese Abgabe, die Kapital künstlich verknappt und Sparer bestraft. Als ob ständiger Konsumzwang erstrebenswert wäre! Sparen hat eine extrem wichtige Funktion für eine Gesellschaft, indem es längerfristige Stabilität und die Grundlage für Wohlstand schafft. Durch Konsum lässt sich jedenfalls kein Wohlstand aufbauen.
Irrtum Nr. 5: Tauschringe sind eine Alternative zur Geldwirtschaft
Ich könnte nun über die historische Entwicklung von Geld schreiben, aber am überzeugendsten ist es wohl, eine Gruppe von Gesells Jüngern selbst zu beobachten: die "Freitauscher". Allerorts bildeten sich in den letzten Jahren - mit Unterstützung durch das Internet - "Tauschringe". Beeinflusst von Gesells Ideen sollten hier Menschen ohne den "Umweg" über das böse, stabile Geld Dienstleistungen "tauschen". Und wenn eines Tages die Welt diesem Beispiel folgen würde, gäbe es natürlich keine Armut, Kriege, etc. mehr.
Solche Tauschringe vermitteln tatsächlich ein angenehmes, befreiendes Gefühl, dass manche schon gut auf das kommende Himmelreich nach Gesells Offenbarung einstimmt. Jeder kann frei tauschen. FREI tauschen.
Als diese Ringe nun ein wenig wuchsen - freilich ohne sonderlich bedeutsam zu werden - wurde der Staat auf diesen Schleichhandel aufmerksam, und dieser erschien unserem ach so sozialen Papa Staat als verdammt schlechter Deal. Bald wurde deutlich, was den Reiz und die Anmut dieser Ringe ausmacht. Alle tauschen FREI, ohne Steuern, ohne Regulierungen, ohne Arbeitskartelle. Klar fühlt sich das gut an. Das ist ja auch das liberale Programm in Reinform.
Sind Tauschringe so toll, weil sie kein Geld verwenden? Irrtum! Es dauerte nicht lange und die "Freitauscher" entdeckten das Geld neu - echtes Geld, nicht staatliches Falschgeld: ein Gut, dass abzählbar, haltbar, leicht zu transferieren und daher für freien Handel unabdingbar ist. Aber "Freitauscher" dürfen ihr Geld natürlich bloß nicht Geld nennen (so wie iranische Zinsen - allahuakbar! - keine Zinsen sind), sondern z.B. "Talente". Es besteht aus frei tauschbaren Zeitansprüchen (zumal Dienstleistungen getauscht werden).
Da haben die Gesell-Jünger auf ihrem anti-kapitalistischen Kreuzzug doch tatsächlich einen Laisser-faire Kapitalismus mit privaten E-Währungen entdeckt!
Was bleibt von der "Freiwirtschaft"?
Die positive Seite von Wörgl illustriert jenen Aspekt Gesell'schen Gedankengutes, der manch liberale Sympathie verdient. Weder auf nationaler, noch auf Gemeindeebene kann Inflation ("Geldschwund") Wohlstand schaffen. Doch ist in kleinerem Rahmen der Schaden auch geringer und wird oft sogar durch die Vorteile regionaler Währungsautonomie aufgehoben. Liberale Ökonomen, wie etwa F.A. von Hayek, sind die einzigen, die ernstzunehmende Vorschläge zur Abschaffung des nationalen Geldmonopols gemacht haben. Vieles von Gesells Kritik an der Geldordnung wird von konsequenten Liberalen geteilt - leider missverstehen Gesell und seine Jünger die wahren Ursachen und begnügen sich mit einer reaktionären Utopie.
Wahre "Freiwirtschafter" müssten Liberale sein. Eine Welt, in der Menschen - gleich welcher Nation oder Rasse - frei miteinander tauschen (handeln!), in der es keine Währungsmonopole gibt, in der auf lokaler Ebene mit vielem (auch mit Geld) experimentiert werden kann -- nichts anderes verspricht konsequenter Liberalismus (nicht jene verunstaltete Form, die heutige Parteien vertreten). Freiwirtschafter, Freitauscher, Gesellianer: Ihr seid am richtigen Weg, traut euch, ihn zu Ende zu gehen!
Buchtips für liberale Geldkritik:
Roland Baader: Geld, Gold und Gottspieler
M. Rothbard: Das Schein-Geld-System.
Hinweise auf Freiwirtschaft, Freigeld, Gesell, Zinsen sind zu finden unter "Liberty"
Gegenmeinung - unter "Wer hat Angst vor Silvio Gesell?"